Die Kolonien Welterbe?

Warum sind die Armenkolonien womöglich einzigartig auf der Welt? Auf welcher Grundlage fußt der Antrag, die Kolonien als Welterbe erkennen zu lassen? Und wie verläuft so eine Antragsprozedur? Auf dieser Seite erfahren Sie hierüber mehr.

Kulturlandschaft

Die Armenkolonien werden als Kulturlandschaften vorgeschlagen, die transnational und komplementär sind:

  • Kulturlandschaft à Die Landschaft der Kolonien entstand durch Menschenhand;
  • Transnational à Die sieben Kolonien befinden sich in den Niederlanden und Belgien;
  • Komplementär à Jede der sieben Kolonien verstärkt den Wert des Ganzen als Erbestätte.

Außergewöhnlicher, universeller Wert

Einzigartig, unersetzlich und von außergewöhnlichem Wert zu sein, ist der Ausgangspunkt. Aber wie bestimmt man das? Die UNESCO wendet zehn Kriterien an. Die nominierte Erbestätte muss mindestens eins davon erfüllen.

Die sieben Kolonien wurden auf der Grundlage von drei Kriterien vorgeschlagen:

  • (iii) Die Stette stellt ein einzigartiges oder zumindest außergewöhnliches Zeugnis einer kulturellen Tradition bzw. einer bestehenden oder untergegangenen Kultur dar.Die sieben Armenkolonien sind das Ergebnis eines außergewöhnlichen, groß angelegten gesellschaftlichen Experiments des frühen 19. Jahrhunderts im Bereich Social Engineering (1818-1825). Ziel war es, arme und bedürftige Bürger durch Arbeit in der Landwirtschaft und Disziplinierung zu erziehen und auf diese Weise die Armut im Vereinigten Königreich der Niederlande (die heutigen Niederlande und Belgien) nachhaltig zu bekämpfen.

 

  • (v) Die Stätte ist das außergewöhnliches Beispiel einer traditionellen menschlichen Siedlungsform und Boden- bzw. Meeresnutzung, die für eine (oder mehrere) bestimmte Kulturen typisch sind, bzw. für den Menschen im Umgang mit seiner Umwelt Mensch. Insbesondere, wenn diese vom Druck des unaufhaltsamen Wandels bedroht wird.Die Armenkolonien sind eine außergewöhnliche Serie utopischer Kulturlandschaften: Aus öden Heidelandschaften machte man geordnete Kulturlandschaften. Diese sind vom Menschen gegründet, urbar gemacht und auf eine besondere Weise eingeteilt und bebaut worden. Neben der Erziehung der Bürger zu nützlichen Mitgliedern der damaligen Gesellschaft war das Ziel, die Innovation der landwirtschaftlichen Produktion. Die Reihe stellt ein zusammenhängendes Ganzes von Kolonien dar, von denen jede ihre besonderen Merkmale hat.

 

  • (vi) Die Stätte steht in direkter oder indirekter Verbindung mit Ereignissen oder überlieferten Lebensformen, mit Ideen oder Glaubensbekenntnissen oder mit künstlerischen und literarischen Werken von außergewöhnlicher universeller Bedeutung.Das überregional organisierte Experiment zur Armutsbekämpfung in den Armenkolonien hat seinen Ursprung in der sozialen Initiative der Bürgerelite und der Regierung im Zeitalter der Aufklärung. Ausgangspunkte waren die Emanzipation, die Formbarkeit, die wirtschaftliche Unabhängigkeit, der „Vertrag“ zwischen den Individuen und dem Staat, die Religionsfreiheit … Das Experiment hatte einen großen Einfluss darauf, wie über sittliche Erhebung des Volkes, gesellschaftlichen Aufstieg und die Rolle und Verantwortung des Staates hierbei im Europa des 19. und 20. Jahrhunderts gedacht wurde. Es erhielt große internationale Aufmerksamkeit und wurde nachgeahmt. Dabei stieß das Modell auch auf Grenzen, hatte es durchaus Schattenseiten (wie die Entziehung der persönlichen Freiheit), und entwickelte es sich anders als beabsichtigt. Die Geschichte der Kolonien lebt bis heute fort.

Authentizität bzw. Integrität

Wenn eine Stätte von ihrem herausragenden universellen Wert überzeugt ist, muss sich dies auch an den Attributen ablesen lassen: Entwurf, Material, Expertise, Lage, gesellschaftliche und kulturelle Aspekte. Sind all die Attribute authentisch? Mit anderen Worten: Gibt es eine Verbindung zu dem herausragenden universellen Wert? Sind sie vollständig und intakt?

Die heutige Landschaft der sieben Armenkolonien lässt noch immer ihr Ziel erkennen: die Disziplinierung und sittliche Erhebung einer großen Bevölkerungsgruppe. Dies geschah durch die Arbeit auf dem Feld, modernen (Landbau-)Unterricht und ein Moralverständnis. Die Kolonien stellen eine zusammenhängende Reihe dar, unterscheiden sich gleichzeitig aber alle voneinander. Es gab z.B. freie und unfreie Kolonien. Die freien Kolonien folgen dem Muster einer langen Reihe kleiner Bauernhöfe nebeneinander, die unfreien dem Muster einer zentralen Anstalt, die von großen Höfen umringt ist.

Die Landschaft ist orthogonal strukturiert, hat begrünte Wege, Äcker, Weiden und Wald mit einem Zentrum, in dem Einrichtungen und Höfe angesiedelt waren. Trotz zweier Jahrhunderte des Wandels aufgrund moderner Auffassungen hinsichtlich Armenfürsorge, Landbau, Geistesgesundheitswesen und Bestrafung ist die Struktur der Landschaft und ein Großteil der Bebauung erhalten geblieben.

Die wichtigsten Attribute sind dann auch:

  • Die Basistypologie der Landschaft der freien und unfreien Armenkolonien;
  • Die Struktur der Wege, Bepflanzung und Wasserstrukturen, das verwendete Maßsystem, das Bebauungsmuster;
  • Die Bebauung und Bepflanzung, die für dieses Experiment der Armutsbekämpfung und Disziplinierung repräsentativ ist.

Managementplan

Dem Dossier wurde auch ein Managementplan beigefügt. Dieser Verwaltungsplan dient als Garantie dafür, dass die verschiedenen Partner die Armenkolonien ausreichend schützen werden. Hierdurch kann die Besonderheit, Authentizität und Integrität der Gebiete bewahrt werden.

In dem Managementplan erläutern die verschiedenen Partner, wie sie die Armenkolonien in Zukunft verwalten wollen. Alle sechs Jahre wird der Managementplan angepasst.